Paul Celan


Paul Celan

Was geschah? Der Stein trat aus dem Berge.
Wer erwachte? Du und ich.
Sprache, Sprache. Mit-Stern. Neben-Erde.
Ärmer. Offen. Heimatlich.

Wohin gings? Gen Unverklungen.
Mit dem Stein gings, mit uns zwein.
Herz und Herz. Zu schwer befunden.
Schwerer werden. Leichter sein.

Die Geschichte vom Turmbau in Babel lese ich schon seit langem so: daß die Menschen, die zuerst nur eine einzige Sprache hatten, von dieser auch beherrscht waren, daß ihre Sprache von oben her reglementiert war bis ins Kleinste, daß im Herrschaftsbereich dieser Sprache das Äußerste versucht wurde, was als Machtsymbol denkbar war: der Turm bis zum Himmel. Daß dieser Bau scheitern mußte um der Menschen willen, mit dem Auftrag, daß nun jeder seine eigene Sprache sprechen müsse, womit nicht nur die vielen Nationalsprachen gemeint sind, sondern daß wirklich jeder, der einen Mund hat, seine eigenen Wörter hat, daß jeder, der Ohren hat, sich die Sprache des Anderen erst zu erhören hat, damit nicht Herrschaft sei sondern das Reden miteinander.

Das Gedicht scheint ein Gespräch zu erinnern, zwischen zwei Menschen, man mag wohl an ein Paar denken, ein Gespräch in Frage und Antwort, in Wechselreden. Und in diesem Reden wird ein anderes Reden erinnert und gedeutet, ein Reden im Gehen, man wird sich das Paar denken auf einer Wanderung, in Sprache, Sprache. Das Gehen mag man auch im Rhythmus des Gedichts hören, im trochäischen Versmaß (trochaios heißt: laufend), das hier aber recht verhalten wirkt, während mir der Trochäus in anderen Gedichten eher wie ein aufdringlicher Marsch klingt. Ähnlich unaufdringlich scheint mir der Kreuzreim das Ganze zu halten, die unreinen Reime sorgen dafür, daß auch dieses Formelement sich nicht in den Vordergrund drängt, wiewohl es natürlich leistet, was es leisten soll: die Form, den Halt zu geben, die Fassung.

Wenn auch kein Ziel zu erkennen ist und kein Inhalt dieses erinnerten Redens, eine Richtung hat beides, gen Unverklungen. Ein Gültiges, ein Bleibendes ist in den Worten. Es ist eine Erinnerung an etwas Zauberhaftes auch, der Stein trat aus dem Berge.

Was den Gedichten von Celan den Ruf eingetragen hat, so schwer verständlich zu sein, ist vor allem solcher Gebrauch der Sprache. Steine sollen, so meinen wir, liegen, lasten, schwer sein und hart, bei Celan können sie schweben, fliegen, leicht sein, nicht treffen, aber auch dauerhaft und undurchschaubar, grau und verläßlich ruhend können sie erscheinen, das auch, aber eben auch leicht. Sie können sich auftun, Lichtbringer sein, uns mit dem Steinblick treffen, sich pflücken lassen, blühen, oder eben aus dem Berge treten und das Paar begleiten: als gäb es, weil Stein ist, noch Brüder..

Celans Gedichte sind voll von solchen Paradoxien, die Worte tragen ihren Widerspruch in sich, oder, wie es in einem frühen Gedicht heißt: ihren Schatten.

Sprich-
Doch scheide das Nein nicht vom Ja.
gib deinem Spruch auch den Sinn:
gib ihm den Schatten.

Im Schatten, im dunklen Hintergrund, liegt oft der Sinn der Wörter, das ist das, wohin sie wollen, die Richtung, in die sie streben.

Blicke umher:
sieh, wie´s lebendig wird rings-
Beim Tode! Lebendig!
Wahr spricht, wer Schatten spricht.

Wörter tendieren dazu, auch ihr Gegenteil mitzusagen, wir können nicht vom Leben reden ohne auch den Tod zu denken, nicht von dem Leichten, ohne daß auch das Schwere in unser Bewußtsein tritt, wie unbemerkt auch immer im täglichen Reden. Wird man sich aber bewußt, daß auch die Wörter ihren Schatten mit sich tragen, wird die Sprache lebendig. Und es wird sagbar, was bisher ohne Namen blieb.

Außerdem tragen die Wörter ihre Geschichte mit sich, ihren tausendfältigen Gebrauch, der in uns nachklingt. Zu schwer befunden, das erinnert uns an den König Belsazar im Buch Daniel, der für zu leicht befunden worden war. Ein Gegentext also. Es ist für mich die rätselhafteste Stelle des Gedichts und auf unerklärliche Art die, die am meisten anrührt. Werden die Herzen zu schwer befunden? Was Herzen beschwert, sind gemeinhin Sorgen oder Ängste. Wer soll schwerer werden? Die Herzen doch wohl nicht, aber vielleicht das Wir des Gedichts? Durch das Teilen, das Mitteilen von Sorgen, -werden dadurch die beiden schwerer? Oder leichter? Oder beides zugleich, wie es das Teilen von Sorgen wohl mit sich bringen mag? Oder denken wir bei schwerer werden an ein anderes Werden, ein Gewichtig-Werden, ein Ablegen des Leichtfertigen, eine Wendung zum Ernst, der offen ist für das Gewicht der Welt? Wird dadurch das Sein leichter, der Weg, das Reden? Es käme wohl auf das Reden an, wie man all diese Fragen beantwortet. Und anderen Lesern stellen sich wahrscheinlich andere Fragen, das ist wohl so in uns angelegt, seit dem Turmbau zu Babel.

Jedenfalls verlockt das Gedicht zu solchen Fragen, auf die soll der Leser Antwort suchen, wer sonst, denn mit wem denn sonst redet das Gedicht? Es versucht, ihn in einen Dialog zu ziehen, ihn zum Mitreden zu verführen, etwas anderes kann es ja nicht, aber das muß es tun, sonst wäre es kein Gedicht, jedenfalls für Paul Celan nicht, wie wir gleich sehen werden.

Ein anderes Wort, dem hier nachzuhorchen ist, heißt Herz. Herzfinger finden sich oder der Herzbuckelweg, die Herzzeit und der Herzstrahl, oder die Wendung: Herzwand an Herzwand. Solches verstehen wir leichter, auch unserem Sprachgefühl ist das Herz ein Wort, das das Zentrum eines Menschen ausspricht, den Punkt auch, an dem er angesprochen werden will, wenn es ihn treffen soll.

Das Gedicht kann, da es ja eine Erscheinungsform der Sprache und damit seinem Wesen nach dialogisch ist, eine Flaschenpost sein, aufgegeben in dem - gewiß nicht immer hoffnungsstarken - Glauben, sie könnte irgendwo und irgendwann an Land gespült werden, an Herzland vielleicht. Gedichte sind auch in dieser Weise unterwegs: sie halten auf etwas zu.
Worauf? Auf etwas Offenstehendes, Besetzbares, auf ein ansprechbares Du vielleicht, auf eine ansprechbare Wirklichkeit.
Um solche Wirklichkeiten geht es, denke ich, dem Gedicht. (Bremer Rede)

Gedichte treiben auf das Herzland eines Lesers zu, sie suchen ihn. Sie suchen Heimat und wollen sie schaffen, denn Heimat ist dort, wo man angesprochen ist und wo geantwortet wird, wo auf nichts gesetzt wird als auf die Armut der Wörter und ihre Offenheit. Das Gespräch des Paares, das im Gedicht erinnert wird und besprochen, dieser erfüllte Augenblick, es will sich mitteilen, sucht andere, die offen sind, besetzbar, ansprechbar.

So wird das Gedicht zum utopischen Ort, zum Vorschein einer geheilten, weil zur Sprache gekommenen Welt.

Peter Goergen

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