Lutz Lemhöfer
Merkt euch ihre Namen
Katholische Traditionalisten, säen Feindschaft gegen die Juden
Was hat es mit der jüdischen Weltverschwörung auf sich? Wie so oft
kommt die erste - und beste! - Antwort aus einem jüdischen Witz:[1] Kurz nach der Machtergreifung kommt Herr Grünstein mit dem
"Völkischen Beobachter" nach Hause. Seine Frau ist wütend, hält
ihn für meschugge. Grünstein verteidigt sich: "Schau, in unserem
Gemeindeblatt stehen wieder nur schlechte Nachrichten: Goebbels hat gegen uns
gehetzt - unsere Geschäfte werden boykottiert - von den Universitäten
werden wir ausgeschlossen. Alles ganz furchtbar! Und was lese ich im
'Völkischen Beobachter'? Wir besitzen Wall-Street, wir stehen hinter dem
sowjetischen Regime, wir kontrollieren die Weltpresse, und der Vatikan soll uns
auch bald gehören. Ist das nicht phantastisch?"
Ein kleiner Verlag im schwäbischen Durach bemüht sich seit Jahren,
die Erkenntnisse des "Völkischen Beobachters" aus
traditionalistisch-katholischer Sicht zu untermauern. "Pro fide Catholica" hat
der ehemalige Priesteramtskandidat der Diözese Augsburg und jetzige
Verleger Anton Schmid sein Programm getauft. Wer hier freilich solide,
vielleicht gediegen konservative Theologie erwartet, wird enttäuscht.
Bereits der Programmzettel läßt erkennen, wie wir von
verschwörerischen Finsterlingen umgeben sind. Da wird etwa der Vertrag von
Maastricht in feiner Anspielung als "Endlösung für Europa" [2] charakterisiert; zumindestens aber droht beim Beitritt zur
Europäischen Union "Die kollektive Sklaverei"[3].
Wo es Sklaven gibt, gibt es auch Herren;
der Hausautor und suspendierte Religionslehrer Manfred Adler hat sie
aufgespürt. Einerseits ist es die Freimaurerei mit dem Ziel der
"Errichtung einer Weltdiktatur und einer Weltreligion".[4]
Andererseits ist es die
"Weltmacht Zionismus"[5], bei der alle Fäden zusammenlaufen.
Juden und Freimaurer gemeinsam mit den fremden Religionen sind angetreten, die
Welt zu regieren und zu diesem Zweck die katholische Kirche, das letzte
Bollwerk des Widerstands, zu
unterminieren. Und da die Juden unter diesen vertrauten Verdächtigen
klassischer Verschwörungstheorien die ältesten sind, unterwandern sie
an allen Ecken und Enden. Wo und wie, das ist aus dem Verlagsprogramm des Anton
Schmid zu lernen;
einige dieser Schleichwege seien exemplarisch vorgeführt.
Durch jüdischen Messianismus zur Weltdiktatur?
Selbstverständlich - wir ahnen es - streben die Juden nach der
Weltherrschaft. Würde man den Grund dieses vermeintlichen Strebens in der
Bibel, in den Juden wie Christen gemeinsamen Heiligen Büchern des Ersten
Testaments finden, hätten die Autoren des christlichen Verlages ein
Problem: Sie müßten Teile dessen verwerfen, was sie selbst in Ehren
halten. Also bedienen sie sich eines Kunstgriffs: Nicht die Bücher Moses
oder die Prophetenbücher sind böse, sondern deren (nachchristliche)
Deutung im Talmud, in der Kabbala oder im Zionismus. Unter reichlicher Zitation
auffallend alter Bücher[6] wird folgender Gedankengang
konstruiert:
Das moderne Judentum richtet sich nicht nach der Bibel, sprich: der Thora und
den Propheten, sondern nach dem Talmud. Es versteht sich als Träger und
Erfüller des universalen Heilswillens Gottes. Die Juden, welche alle
Nichtjuden hochmütig verachten, versuchen, den rechtmäßigen
Träger und Erfüller des Heilswillens Gottes, die katholische Kirche,
auf zweierlei Weise auszuhebeln: Einerseits geschieht das durch die
emanzipatorische Wissenschaft. Im Originalton:
"Das Entstehen der modernen Philosophie ist ohne den Einfluß der
jüdischen Geheimlehre nicht zu denken. Dieselben Nachweise können
für die politischen Entwicklungen in Europa seit der Glorreichen
Revolution in England und vor allem seit
der Französischen Revolution erbracht werden. (...) Die Bezeichnung
'Jakobiner' für die damaligen Revolutionäre deutet nicht nur auf das
Kloster Saint Jacques als Pariser Versammlungsort hin, sondern auf den
alttestamentlichen 'Jakob', der später 'Israel' genannt wurde. (...) Der
Eroberungsfeldzug des Judaismus in der modernen Philosophie, Religion und
Politik zeigte wiederum, daß die Wissenschaft der Kabbala Hauptquelle in
den Umsturzbewegungen der Neuzeit ist. "[7]
Die realpolitische Seite dieses Messianismus spiegelt dann andererseits vor
allem der Zionismus wieder, oder genauer, der "zionistische Weltmachtanspruch"
(Manfred Adler). Denn Zionismus wird hier nicht verstanden als Eintreten
für das Lebensrecht des jüdischen Volkes in einem jüdischen
Staat, sondern als göttlich begründete Herrschaft Zions über die
ganze Erde. Ausgerechnet Martin Buber wird als Kronzeuge genommen und gezielt
mißdeutet. Bubers immer wiederholte Mahnung, daß es im Staate
Israel nicht nur um den Besitz eines Staatsgebiets gehen könne, sondern um
ein anziehendes und auf die Welt ausstrahlendes Beispiel vorbildlichen
Gemeinschaftslebens, wird als realpolitischer Weltmachtanspruch hingestellt:
"Das große Ziel, dem alle Zionisten zustreben, ihr messianisches
Endziel, ist die Herrschaft über 'alles Menschenvolk', d. h. mit anderen
Worten die Weltherrschaft. Diese ist identisch mit dem endzeitlichen
messianischen Heil, das zu verwirklichen die 'übernationale Aufgabe' der
'Söhne des Messias' oder des 'auserwählten Volkes' ist. Bei Martin
Buber heißt das religiös verschleiert: ''Königtum Gottes
über alles Menschenvolk' in der 'Welt der Einheit'. Da aber der Terminus
'Gott' bei ihm nur Leerformel für 'schöpferisches Judentum' ist,
unterscheidet sich seine 'zionistische' Religiosität und Mystik in der
Sache nicht von dem radikal säkularisierten Zionismus, der auf jegliches
religiöses Beiwerk zur Begründung seines eigentlichen und letzten
Zieles verzichtet."[8]
Martin Buber als Prophet eines jüdischen Imperialismus - so was muß
man erst mal erfinden! Wer das glaubt, wird sich auch mit einer bizarren
Fußnote dieses Verschwörungsplans anfreunden, die ein gewisser
Helmut Friedlmayer ebenfalls im Programm "Pro fide Catholica" anbietet.
Danach haben die jüdischen Herrenmenschen nämlich eigens eine
Sklavenreligion entworfen, die ihnen zugeordnet sei: die der Zeugen Jehovas.
"Das Ziel dieser ganzen Bemühungen ist der Abfall möglichst vieler
Christen vom Glauben an den dreifaltigen Gott und an den Erlöser Jesus
Christus, damit das antichristliche Reich Jehovas, die jüdische
Weltherrschaft, ihre Erfüllung findet (...) Der einzelne Zeuge muß
sich ganz mit dem Willen der Obrigkeit identifizieren und wird dadurch ein
Sklave für Jehova, ein Sklave der Juden."[9]
Dem Verfasser ist offenbar nicht bekannt, daß er sich mit dieser
Einordnung der Zeugen Jehovas als einer Sklavenreligion in eine Reihe mit
Heinrich Himmler begibt, der die östlichen Völker durch den Glauben
der (von ihm selbst verfolgten) Zeugen Jehovas pazifizieren wollte.[10] Statt dessen kolportiert er eben diejenigen haltlosen
Gerüchte weiter, die den Nazis als Grund ihrer brutalen Verfolgung dieser
Sekte dienten.
Freimaurer und Juden Hand in Hand?
Wenn in den Publikationen des Verlags
Anton Schmid die Juden als Drahtzieher von was auch immer entlarvt werden, dann
ist nur im geringen Ausmaß das klassische orthodoxe Judentum gemeint. Das
eigentliche Objekt von Haß und Furcht ist etwas anderes: Das liberale,
säkularisierte Judentum, das hinter der Finanzpolitik wie hinter den
Weltrevolutionen stehe.
"Jeder, der sich mit dem Thema 'Wer regiert die Welt' zu beschäftigen
beginnt, stößt früher oder später im Verlauf seiner
Recherchen auf die mächtigsten Rohstoffmagnaten und Großbankiers der
Erde, die Rothschilds und Rockefellers",[11]
weiß der Hausautor und Magister der Theologie Johannes Rothkranz. Sie
stehen am oberen Ende einer aufeinander aufbauenden Hierarchie von
Geheimgesellschaften, die unter dem irreführenden Stichwort 'Einheit der
Welt' sowohl eine Welteinheitsreligion des Humanismus wie einen
Welteinheitsstaat unter ihrer Führung anstreben. Das ist zwar alles so
geheim, daß die Welt es bislang übersehen hat; praktischerweise hat
aber ein Mitglied der Rothschild-Dynastie im Bett seiner Geliebten die Details
ausgeplaudert, die wir jetzt in den Büchern des Verlags Anton Schmid
nachlesen können:
"Nach der 1982 verstorbenen Ayn Rand baut sich die Pyramide der Geheimen
Gesellschaften von unten nach oben folgendermaßen auf: Über dem
Fundament des
- profanen Humanismus erheben sich
- die Freimaurerei ohne Schurz,
- die blaue oder Johannes-Maurerei,
- Rotary Club, Lions-Club, CVJM (YMCA) etc.,
- die Freimaurerei des York-Ritus,
- die Hochgrad-Freimaurerei des schottischen Ritus,
- der Kommunismus
- der Grand Orient,
- die jüdische Freimaurerei B'nai B'rith,
- der "Club der 500",
- "Rat der 33"
- "Rat der 13".
- Auf der 13. Stufe klafft in Ayn Rands
Darstellung eine Lücke; darüber wacht als Pyramidenspitze Satans
Auge."[12]
Dieser von Rothkranz gelegentlich als "Satans-Synagoge" betitelte Machtkomplex
zieht also die Fäden in der Welt. Wo wir es nicht sehen, haben wir es nur
noch nicht gemerkt. Obwohl die Hauptpolemik der Freimaurerei gilt (ein
klassischer Topos im traditionalistischen Katholizismus), gilt auch: die Juden
sind immer dabei.
Ob 1789 in Frankreich oder 1917 in Rußland: es sind Juden, die dahinter
stecken, ebenso natürlich hinter der Entfesselung zweier Weltkriege sowie
der Vorbereitung des dritten. Selbstverständlich ist auch der Holocaust
ein jüdisches Machwerk. O-Ton Rothkranz:
"Es wäre den insgeheim längst die englische und amerikanische
Regierung kontrollierenden jüdischen Großbankiers der
Rothschild-Familie bzw. der ach so humanen B'nai B'rith-Größen, die
hinter Roosevelt standen, ein leichtes gewesen, beliebig viel Ausreise-Visa
für europäische, vom Tod bedrohte Juden zu erhalten bzw. zu
verteilen. Aber daß die europäischen Juden, die meisten von ihnen
zumindest unmittelbar gar nicht beteiligt an der zionistischen
Weltbeherrschungsstrategie, dem unberechenbaren Diktator, dem man mit so teurem
Geld zur Macht verholfen hatte, so glimpflich entrinnen sollten, war in dem
Großen Plan der Geheimen Oberen offenbar nicht vorgesehen, ganz im
Gegenteil: Sie brauchten eine möglichst große Zahl jüdischer
Märtyrer. (...) Sechs Millionen tote Juden als Sechs Millionen
Märtyrer für die Sache des One-World-Zionismus würden dem
Bestrebungen der Satans-Synagoge mehr nützen als Sechs Millionen
überlebende bzw. Hitler erst gar nicht ausgelieferte Juden. (...) Das
jüdische Volk als Ganzes und damit jeder einzelne seiner Vertreter
wären in ihren Handlungen auf einzigartige Weise dem sonst üblichen
Bewertungsmaßstab entzogen; mit anderen Worten:
Die künftigen zionistischen Weltherrscher und ihre weit verzweigte
Hierarchie könnten sich nachgerade alles erlauben, ohne daß die
Nichtjuden oder selbst die nichtzionistischen Juden es wagen könnten,
ihre Machenschaften rückhaltlos aufzudecken und dadurch zu behindern."
[13]
Solche ebenso unsinnigen wie schamlosen Denkgebäude berufen sich ungeniert
auf die längst als Fälschung entlarvten "Protokolle der Weisen von
Zion", die sowohl bei Rothkranz als auch bei Friedlmayer mit dem Gestus
gläubigen Abscheus zitiert werden. Neu ist dieses Weltbild in keiner
Weise. Im Gegenteil: Es bildet ein vertrautes klerikal-traditionalistisches
Muster seit den Tagen der französischen Revolution ab. Erstmals hat der
Jesuitenpater Augustin Barruel in seinen 1797/98 veröffentlichen
"Mémoires pour servir à l'histoire du Jacobinisme" diese
Struktur einer Verschwörungstheorie zu Papier gebracht, "nach der
Freimaurer, Anarchisten und Jakobiner sich verschworen hätten, Staat und
Kirche zuerst in Frankreich zu vernichten, worauf alle anderen Länder
folgen sollten. "[14] Rothkranz & Co ändern diese Struktur
nicht, sondern fügen ihr lediglich neuere historische Sachverhalte nahtlos
ein.
Wird die katholische Kirche unterwandert?
Neu ist allerdings ein Umstand, der zugleich den Anlaß des
Verlagsprogramms "Pro fide Catholica" bildet. Das bislang stärkste
Bollwerk gegen jüdisch-freimaurerische Unterwanderung ist offenbar
selbst unterwandert worden: Nämlich die katholische Kirche mit und seit
dem großen Reformschub des II. Vatikanischen Konzils (1962-65).
Einfallstore sind der Ökumenismus im allgemeinen und der >
jüdisch-christliche Dialog im besonderen. Die etwas plattere Variante
dieser Verschwörungstheorie präsentiert Leon de Poncins[15] Danach geht es auf die engen Verbindungen des Vorsitzenden des
vatikanischen Sekretariats für die Einheit der Christen, Augustin Kardinal
Bea, zur jüdischen Loge B'nai B'rith zurück, daß das Konzil in
der Erklärung zu den nichtchristlichen Religionen ("Nostra aetate")
frühere Verurteilungen der Juden zurücknahm. Bea selbst wurde
"beschuldigt (!), von Ursprung her Jude zu sein" wie seine Mitarbeiter
Monsignore Baum und Monsignore Oesterreicher; der B'nai B'rith wiederum habe
während des gesamten Konzils eine geheime Zensur über den Vatikan
selbst und den Papst ausgeübt, die in der genannten Konzilserklärung
und der späteren Umformulierung der liturgischen Karfreitagsbitte für
die Juden das gewünschte
Ergebnis gezeitigt habe. In entwaffnender Schlichtheit heizt Johannes
Rothkranz die Gerüchteküche weiter an. Aus "unbedingt
zuverlässiger, aber selbstredend vertraulicher vatikanischer Quelle"
weiß er zu berichten: der gegenwärtige, nicht gerade als liberal
verschriene
"Papst Johannes Paul II, so hieß es damals (1989, L.L.) treffe sich in
der letzten Zeit etwa alle 4 Wochen insgeheim für rund 2 Stunden mit einer Abordnung von B'nai B'rith und erhalte bei dieser
Gelegenheit seine Anweisungen. "[16]
Mit dieser Haltung steht der Papst aber offenbar nicht allein.
"Es wimmelt gerade unter den Priestern und Bischöfen von Leuten, die
sich dem christlich-jüdischen Dialog verschrieben haben und dabei mit Scheuklappen durch die politische und religiöse
Landschaft laufen. Das Judentum, dem sie sich anzubiedern suchen, ist in aller
Regel nicht einmal das wirklich gläubige, orthodoxe, sondern das
liberal-zionistische, das sich aber aus taktischen Gründen bisweilen sehr
'religiös' aufzuführen versteht."[17]
Aber Rothkranz geht inhaltlich noch weiter: Da auch in den Konzilstexten
häufig von der Einheit der Menschen sowie vom Weltfrieden als Wunsch und
Ziel die Rede ist, dies aber als Synonym für die 'One-World-Diktatur'
behandelt wird, sind nicht nur einzelne Personen, sondern die Gesamtheit der
Konzilstexte vom neuen Ungeist infiziert. Sein Fazit:
"Spätestens im Jahr 1965 war also die fast 250 jährige
Unterwanderung der katholischen Kirche durch die Synagoge Satans im Prinzip am heißersehnten Ziel angelangt. "[18]
Ein Außenseiter mit Ausstrahlung?
Der Rundumschlag gegen Papst und Konzil macht es deutlich: Das Verlagsprogramm
' Pro fide Catholica' repräsentiert weder den "main stream" im real
existierenden Katholizismus noch dort für diskussionswürdig gehaltene
Außenseitermeinungen. Dennoch machte man es sich zu leicht, täte man
dies als private Spinnerei eines Exzentrikers ab. Es gibt zumindest
Schnitt-mengen mit Gedanken und Gefühlen traditionell eingestellter
Katholiken einerseits, rechter Esoteriker und Sekten andererseits.
Berührungspunkte gibt es etwa zu Teilen des Volkskatholizismus, der
traditionelle Wallfahrten, Andachten etc. auch dann pflegt, wenn ihnen
antisemitische Legenden zugrunde liegen (Deggendorfer Gnad, Werner-Kapelle
Bacharach, Anderl von Rinn).
Gerade im letzteren Fall, im Fall der Legende um das angeblich einem
jüdischen Ritualmord zum Opfer gefallene Christenkind Anderl von Rinn,
machen sich die Autoren des Verlages für dessen Verehrung stark und
polemisieren gegen den Bischof von Innsbruck, der den Kult 1989 verboten hatte.
Parallelen zum Programm "Pro fide Catholica" finden sich aber auch in sonst
weniger bekannten, den Leserinnen und Lesern aber ungewöhnlichen wichtigen
Zeitschriften vom rechten Rand des Katholizismus, die seit dem Konzil im
Dauerprotest verharren. So schreibt die Publikation "Der schwarze Brief" von
Claus Peter Clausen/Lippstadt, die sich als Verbreiterin sonst
unterdrückter katholischer Nachrichten versteht, im Sonderblatt 8/92 die
gleiche "Geheim-Regierungsstory" wie
Johannes Rothkranz. Danach haben seit Jahrhunderten böse Mächte den
guten Mächten den Kampf angesagt, um über Völkerbund, UNO,
Eine-Welt-Programmatik "die tatsächliche Kontrolle der Geld-Welt-Politik
in die Hand zu bekommen mit dem Ziel der Ausrottung aller Religion."
Claus Peter Clausen und Johannes Bökmann als Brunnenvergifter
Horrorvisionen von der drohenden satanischen Herrschaft des New Age verbreitete
Clausen auch als Chefredakteur der Zeitschrift "Pfadfinder Mariens", die als
Verbandzeitschrift einer rechten Abspaltung der offiziellen katholischen
Georgspfadfinder fungiert. Ängste vor "New Age" oder "One-World"
kultiviert auch die Zeitschrift "Theologisches". Früher weit verbreitet
als kostenlose Beilage eines Anzeigenblatts für kirchliches Gebrauchsgut
wird "Theologisches" heute selbständig herausgegeben: ein intellektuell
beachtlicher Vorposten im Kampf gegen den Reformkatholizismus seit dem Konzil,
dem Selbstverständnis nach der "heilige Rest" glaubenstreuer Katholiken,
die sich gleichwohl nicht - wie die Traditionalisten um den verstorbenen
Erzbischof Lefebvre - von der römischen Kirchenleitung getrennt haben. In
der Doppelnummer Dezember/Januar 1994/95 entwirft Rudolf Willeke ein
düsteres
Zukunftsszenario, das dem von
Rothkranz & Co auffallend ähnelt:
"Ziel ist der One-World-Staat unter der Zentralaegide der UNO; Ziel ist die
One-World-Religion auf der Basis der 10 Gebote - die Weltfriedensachse Mekka-
Jerusalem - Rom; das Ziel ist die Multikultur, die zur Welteinheitskultur
fortschreitet und uns endlich von der Last und der Schuld christlich
abendländischer Kultur 'befreit' "[19]
Wirklich oder vermeintlich freimaurerische Aktivitäten werden auch in
"Theologisches" manchmal angesprochen, jüdische seltener. Anleihen von
revisionistischen Geschichtsbildern sind aber unübersehbar, wenn etwa
Leserbriefschreiber E. von Löbbecke für 1933 von einer
"jüdischen Kriegserklärung" an Deutschland spricht, so daß
"zwangsläufig" das erste antijüdische Gesetz folgte: eine
merkwürdige Schuldzuschreibung von den Tätern auf die Opfer, die der
Herausgeber von "Theologisches", Msgr. Johannes Bökmann, für
"hochinteressant" erklärt:
"Es sollte um der Wahrheit willen publiziert werden. "[20].
Und im Maiheft 1998 beklagt Friedrich Romig die vatikanische Reflexion
über die Shoah. Nicht die Halbherzigkeit des katholischen
Schuldbekenntnisses ist Gegenstand der Klage, sondern daß überhaupt
an ein Schuldbekenntnis gedacht wird:
"War nicht die Shoah die Rache Jehovas an seinem ihm untreu gewordenen Volk,
das fortlaufend die ihm aufgegebenen göttlichen Gesetze brach? War sie
nicht die Strafe für den Abfall von Gott, den große Teile des
Judentums gerade in den letzten hundert Jahren vor der Shoah vollzogen haben?"[21]
Auch hier fehlt es nicht an Hinweisen auf die vorgebliche Herrschaft "der
Juden" über Welthandel, Weltfinanz und Weltmedien - der 'Völkische
Beobachter' aus dem eingangs zitierten jüdischen Witz läßt
grüßen!
Aber auch jenseits der Kirchen fällt das Geraune von den geheimen
Führern der Welt, bei denen merkwürdigerweise immer die Juden dabei
sind, auf fruchtbaren Boden. In der Zeitschrift "Christusstaat" der Sekte
"Universelles Leben" wurden Rothkranz' Theorien breit rezipiert und
vorgestellt. Dies überrascht um so mehr, als das "Universelle Leben"
schroff antikatholisch ist, hier aber einem katholischen Traditionalisten auf
den Leim ging. Erst nachdem nicht nur kirchliche Sektenbeauftragte, sondern
auch eine kritische Fernsehreportage des Hessischen Rundfunks im Dezember 1993
das Geschwätz von der Herrschaft der
Illuminaten sowie der Rothschild-Dynastie als "braunen Dreck" kritisierte,
distanzierte sich verspätet die Redaktion. Noch größere
Resonanz erlangten esoterische Schriftsteller wie Jan van Helsing, dessen Buch
"Geheimgesellschaften und ihre Macht im 20. Jahrhundert" hunderttausendfach
verkauft wurde, und der 'Reinkarnationstherapeut' Trutz Hardo, dessen Roman
'Jedem das Seine' (!) die Ermordung der europäischen Juden deren
'schlechtem Karma' zuschrieb: Sie sei Sühne für Schuld im
früheren Erdenleben!
Der Vertrieb der Bücher ist mittlerweile gerichtlich gestoppt. Es bleibt
die Erkenntnis, daß rechtsradikale Dummheit nicht nur mit Glatze und
Springerstiefeln, sondern auch im Flattergewand der Esoterik einherkommt.[22]
Die Popularität rechter Verschwörungstheorien in der Esoterik-Szene
kann freilich nicht als Wirkungsgeschichte der Verlagsprogramms "Pro fide
Catholica" erklärt werden. Vielmehr scheinen beide eine gemeinsame Ursache
zu haben:
"Konspirations-Theorien sind Sinnpro-duktionsmittel, zu denen jene greifen,
die sich anders nicht mehr zu helfen wissen."[23]
Der Überschuß an frei flottierender Information in unserer
Gesellschaft, aber auch in den großen Volkskirchen, die gesellschaftliche
Probleme in der Regel mit Zeitverzögerung nachvollziehen, er verführt
Außenseiter zu gewaltsamen Versuchen, diese Komplexität zu
reduzieren. Ein wichtiges Mittel, frei flottierende Ängste zu bannen, ist
ihre Fokussierung auf einen benennbaren Feind. Das wußten die Exorzisten,
deren wichtigste Aufgabe es war, den Namen des Dämons herauszufinden, der
aus einem Besessenen sprach. Das weiß der Märchendichter des
"Rumpelstilzchen", das seine magische Kraft verliert, wenn sein Name bekannt
wird; und das wissen nicht, aber ahnen religiöse Fundamentalisten aller
Art:
Sie brauchen einen Feind. Die unheilige
Allianz christlicher Fundamentalisten mit rechten Esoterikern kann gleichwohl
nicht ihrerseits verschwörungstheoretisch
erklärt werden; der gleiche bräunliche Mief nistet in Köpfen,
die sich untereinander nicht kennen.
Aber das Mittel gegen beide ist das gleiche: Aufklärung und Vernunft.
Beide mit dem christlichen Glauben zu versöhnen war das größte
Anliegen des II. Vatikanischen Konzils. Es lohnt sich, daran zu erinnern.
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[1] Die Anekdote verdanke ich der wundervollen Glosse von Hannes Stein, Hoch die
Weisen von Zion, in: Kursbuch 124 (1996), Verschwörungstheorien, S.
35-47.
[2] Verlagsprospekt "Pro fide Catholica" 1997,S.3
[3] Verlagsprospekt, S. 5
[4] Verlagsprospekt, S. 7
[5] Verlagsprospekt, S. 7
[6] etwa: Bernhard Lazare, L' antisemitisme (1894); Gottfried Zur Beek, Die Geheimnisse der Weisen von Zion (1919); A. Rohling, Meine Antworten an die Rabbiner (1883)
[7] Ingo Goldberg, Der jüdische Messianismus: Hauptquelle für die
Zerstörung der römisch-katholischen Kirche. Durach 1995
[8] Manfred Adler, Die Söhne der Finsternis,
2. Teil: Weltmacht Zionismus, Jestetten 1975, S. 46 f. Die Schriften des 1978
von der Diözese Speyer suspendierten Religionslehrers Manfred Adler sind
früher in einem anderen rechtskatholischen Verlag, dem Miriam-Verlag
Jestetten erschienen. Heute werden sie vom Verlag
Anton Schmid vertrieben und beworben.
[9] Helmut Friedlmayer, Die Zeugen Jehovas. Judaisierung des Christentums,
Durach 1993, S 148 und 146.
[10] siehe Detlef Garbe, Zwischen Widerstand und Martyrium, München 1993,
S. 458
[11] Johannes Rothkranz, Die kommende Diktatur der Humanität oder die
Herrschaft des
Antichristen (1), Durach 1990, S. 45
[12] Rothkranz, S. 45
[13] Johannes Rothkranz, Die kommende Diktatur der Humanität oder die
Herrschaft des Antichristen (2), Durach 1990, S. 116 bzw. 88
[14] Dieter Groh, Verschwörungen und kein Ende. In: Kursbuch 124 (1996), S.
12-26; hier: S. 18
[15] Leon de Poncins, II. Vatikanum und Judenfrage, Durach 1992
[16] Johannes Rothkranz, Die kommende Diktatur der Humanität oder die
Herrschaft des Antichristen (3) Durach 1990, S. 238
[17] Auch dies ist ein alter katholischer Topos. Selbst während der NS-Zeit
wurde das "Alte Testament" gewürdigt, während das "moderne Asphaltjudentum" fast im
NS-Stil kritisiert wurde. Vergleiche als Beispiel das vom Freiburger Erzbischof
Conrad Gröber herausgegebene "Handbuch religiöser Gegenwartsfragen",
Freiburg 1937
[18] Rothkranz, (3), S. 79
[19] "Theologisches", Dez./Jan. 1994/95,
Spalte 37
[20] "Theologisches" 2/1996, Spalte 28 f
[21] "Theologisches" 5/1998 Spalte 257
[22] vgl. dazu E.Gugenberger F. Petri/R. Schweidlenka: Weltverschwörungstheorien - Die neue Gefahr von rechts.
Wien/München 1998
[23] Gundolf S. Freyermuth, Das Internetz der Verschwörer. In: Kursbuch 124
(1996), S. 1-11; hier S. 9 f